Geschichte des Kotten

Spätestens an dem Tag, als zum ersten Mal der Duft von Selbstgebackenem durch den Kotten zog, war seine Zeit als Industriestandort und Arbeitsstätte endgültig vorbei. Was übrigens nicht heißt, dass hier nicht mehr gearbeitet wird – ein Gast hat es einmal so formuliert: „Hier im Kotten sind nicht nur die Messer geschliffen worden.“ Das stimmt. Aber vor allem ist aus der alten Schleiferei ein Lebensraum geworden, in dem alle Aktivitäten seiner Bewohner und Gäste Platz finden und gut aufgehoben sind. Der passende Ort für stilvolle Ferien im Industriedenkmal.

Das Wort »Kotten« geht übrigens vom Wortstamm her auf den Begriff »Hütte« zurück. Im Bergischen wurde eine Hütte aber nur dann als Kotten bezeichnet, wenn es sich um eine Werkstatt handelte, meist eine Schleifwerkstatt. In Solingen gab es zeitweise mehr als 25 Kotten entlang der Wupper. Besonderheiten der Solinger Industriegeschichte waren die genossenschaftlich organisierte Arbeitsweise und der gemeinschaftliche Besitz.

 

Wacht über Kotten und Tal: der treue Rüde

Aber wie kommt es, dass der Rüde Bestandteil so vieler Namen im Tal ist? Dieses Kuriosum geht auf eine mittelalterliche Sage zurück: Robert von Berg, ein Jungherzog aus dem Herzogtum Berg, verunglückt zur Weihnachtszeit 1424 auf der gegenüberliegenden Wupperseite auf der Jagd nach einem Hirsch. An einem Abgrund stürzt er von seinem Pferd und verletzt sich schwer. Sein treuer Rüde eilt der Jagdgesellschaft nach, die sich schon auf dem Rückweg nach Schloss Burg befindet. Die Reiter folgen dem aufgeregten Bellen des Hundes und kehren um, so dass der junge Herr gerettet wird.

Eine schöne Geschichte – und auf seinem Denkmal über der Wupper wacht der treue Rüde auch heute noch über Kotten, die Ortschaft Rüden und das Tal.

Wie 1739 alles begann

Obenruedener Kotten, Grundstein, Foto: Lisa Demmer

Grundstein des Obenruedener Kotten, Foto: Lisa Demmer

Und so fing es an: Am Standort Blaumühle wurde im Jahr 1739 ein Fachwerkkotten errichtet, in dem Solinger Schneidwaren geschliffen, gepließt (fein geschliffen) und poliert wurden. Nach einem Brand im Jahr 1906 wurde der Kotten als Backsteinbau in der heutigen Form wieder aufgebaut. In den folgenden Jahrzehnten arbeiteten fast 100 Menschen an den Schleif- und Pließtscheiben. Bis in die 60er Jahre kam die Energie für ein Wassermühlrad aus der Wupper.

Siehe auch: Obenrüdener Kotten bei Wikipedia

Spültuch als Thermometer

Mühlrad des Obenruedener Kotten, Foto: 1953 (unbekannt)

Mühlrad des Obenruedener Kotten, Foto: 1953 (unbekannt)

Das Schleiferleben war hart und abhängig von den Wasser- und Wetterbedingungen. Wenn es z. B. im Winter richtig kalt wurde, war man gezwungen, mit der Arbeit auszusetzen. Als Thermometer diente das Spültuch, das Schöttelplack oder auch Schöttelplaggen. Fror es steif, wenn man es morgens beim Aufstehen draußen an die Türklinke der Wohnung gehängt hatte, so war es zu kalt, um in den Kotten zu gehen; man blieb zu Hause am warmen Ofen.

Frauen trugen die Ware auf dem Kopf

Wupper und Wehrgraben, Obenruedener Kotten, Foto: 1912 (unbekannt)

Aus dem Wuppertal die Berge hinauf, Foto: 1912 (unbekannt)

Aber nicht nur die Schleifer arbeiteten schwer im Kotten: Ihre Frauen und Töchter trugen die fertigen Waren den Berg hinauf in die Stadt. Damit die feingeschliffenen Klingen sich auf dem Weg nicht reiben und ohne Fehler abgeliefert werden konnten, wurden sie in einem Korb auf dem Kopf getragen. Die Frauen legten sich ein besticktes Kissen auf, darauf wurde das »Jedrach« von Klingen gesetzt. Es waren nach altem Brauch immer 306 Stück, davon 6 auf Ausfall berechnete Zumesser. Auf dem Rückweg trugen die Lieverfrauen neue Arbeit, die schwarzen Klingen, zum Kotten zurück.

Das Industriedenkmal heute

Industriedenkmal heute, Obenruedener Kotten, Foto: Lisa Demmer

Das Industriedenkmal heute mit alter Mühlradwelle, Foto: Lisa Demmer

1976 gab die inzwischen privatisierte Schleiferei den etwas abgelegenen Standort auf und der Kotten stand bis 1993 leer. Seitdem kümmern wir uns darum, ihn als Denkmal der Solinger Industriegeschichte, aber auch als Wohnhaus mit Ferienwohnungen zu erhalten. Ganz besonders gefreut haben wir uns 1997 über den Denkmalschutzpreis des Bergischen Geschichtsvereins.